11. Feindliche Übernahme

11.9 Ende eines stolzen Plans


Es war Lian Zhao nicht anzusehen, ob das Gespräch mit dem gegnerischen Schiff sie beeindruckt hatte, als sie feststellte, dass die Gegenstelle abgeschaltet hatte, bevor sie ihr Ultimatum stellen konnte.
Sie wandte sich zu Irina und Kupharhti um, die alles mit angehört hatten.
»Glauben sie nur nicht, dass es ihnen etwas nutzt, dass sie meine Forderungen nicht gehört haben. Wir haben auch andere Möglichkeiten. Notfalls werden wir Teile dieser Station sprengen. Das werden sie sehen, ob sie wollen oder nicht. Sie werden unsere Entschlossenheit zu spüren bekommen, das kann ich ihnen versprechen.«
»Lian Zhao«, sagte Kupharhti. »Ich kann ja verstehen, dass sie mit einem konkreten Auftrag auf den Mond gekommen sind. Aber sie müssen doch einsehen, dass sich die Vorzeichen geändert haben. Ihre Basisstation ist kaum mehr als ein Wrack. Sie glauben doch nicht im Ernst, unser Schiff unter den gegenwärtigen Bedingungen abschießen zu können, oder?«
»Warum nicht?«, fragte Lina Zhao aggressiv. »Meine Techniker sind dabei, die Energieleitungen zu ersetzen. Vielleicht gelingt es sogar, wenigstens ein Landegestell zu reparieren. Sie werden doch nicht annehmen, dass man uns noch einmal so überraschen kann, wie es beim ersten Angriff geschehen ist.«
»Das glaube ich auch gar nicht. Ich glaube jedoch, dass dieses Schiff, dass meine Leute GINA DACCELLI getauft haben, mit dem Piloten am Steuer, der dort sitzt, ihre Raumabwehr in Grund und Boden fliegen wird. Ich bin selbst verblüfft, wie wendig dieses Schiff ist, aber nach dem, was bisher geschehen ist, bin ich überzeugt, dass sie in Kürze auch die letzten wichtigen Einrichtungen zerstört haben werden. Und was – wenn ich fragen darf – soll vor diesem Hintergrund die Teilzerstörung der Akademie bewirken? Damit verlieren sie auch noch die letzte intakte Bastion auf dem Mond. Oder haben sie derzeit noch weitere?«
Lian Zhao kaute nervös auf ihrer Unterlippe. In ihrem Gesicht arbeitete es.
»Machen Sie diesem Wahnsinn ein Ende«, forderte Irina. »Bisher sind nicht viele Menschen zu Schaden gekommen. Sie wollen doch kein Gemetzel hier auf dem Mond anrichten.«
»Ich habe meine Befehle!«, sagte Lian Zhao und machte deutlich, dass die Diskussion damit beendet war. »Sie werden wieder in Ihre Quartiere gebracht.«
Sie rief die Wachen und ließ die Gefangenen in ihre Zellen bringen. Danach setzte sie sich in ihren Bürostuhl und stützte ihren Kopf schwer in ihre Hände. Ja, sie hatte ihre Befehle. Aber man hatte ihnen die Aktion in Bejing ganz anders geschildert, als sie verlaufen war. Bis zur Übernahme der Akademie war noch alles nach Plan verlaufen. Wie erwartet leisteten die Mitarbeiter der Akademie in erster Linie passiven Widerstand, aber das störte sie nicht, da sie selbst über genügend Spezialisten verfügte, die Anlagen zu nutzen. Der Nachschub sollte über die eingerichteten Transportwege der eigenen Mondbasis sichergestellt werden. Vermutlich hätte es geklappt, den Mond in wenigen Wochen komplett der Volksrepublik China einzuverleiben, wäre da nicht dieses rätselhafte Schiff, von dem nicht einmal der Geheimdienst etwas gewusst hatte. Ein an sich unbewaffnetes Schiff mit einem Plasmaantrieb in einer völlig neuartigen Bauart, das es selbst zu einer Waffe machte, schien ihnen das Genick zu brechen. Wenn es nicht gelang, die Installationen in der Basis zu reparieren und gleichzeitig die Energieversorgung sicherzustellen, würde ihre Mission bereits jetzt zum Scheitern verurteilt sein. Sie war vom Zentralrat ermächtigt, alles zu tun, um den Willen des Gegners zu brechen – eingeschlossen Hinrichtungen und Sprengung von bemannten Stationsteilen.
Sie erhob sich und ging zu dem kleinen Waschbecken, das in ihrem Büro, bzw. Kupharhtis Büro, angebracht war. Sie schüttete sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und blickte in den Spiegel darüber. Sie fragte sich, ob sie bereit war, das Leben dieser Menschen zu opfern. War sie so hart, wie sie es selbst von sich behauptete? Sie war sich nicht mehr so sicher.
In diesem Moment gab das Funkgerät erneut ein Signal von sich. Lian Zhao nahm das Gespräch an. Es war Feng Li und er war zutiefst nervös.
»Sie sind wieder da«, meldete er. »Und wir sind vollkommen machtlos.«
»Was ist mit den Geschützen?«, fragte Lina Zhao. »Habt ihr denn keine von den Geschützen betriebsbereit machen können?«
»Doch«, erklärte Feng Li. »Wir haben einen Reaktor wieder angeschlossen und die Energie für die Geschütze auf der Südseite bereitstellen können, doch diesmal kamen sie nicht von oben, sondern flogen mit irrsinniger Geschwindigkeit knapp über dem Boden. Als sie über die Hügelkette des Kraterrandes kamen, war keine Zeit mehr, zu reagieren. Innerhalb von Augenblicken waren unsere Waffen zerstört. Die Besatzung eines Geschützes hat es leider erwischt. Sie sind unserer Aufforderung, die Stellung zu verlassen, nicht nachgekommen.«
»Was ist mit den restlichen Geschützen? Dann müssen wir eben die Leitungen dorthin schleunigst neu verlegen.«
Feng Li lachte freudlos. »Sie sind dabei, sie eines nach dem anderen in formloses Metall zu verwandeln. Die neuen Kabel haben sie auch zerschmolzen. Wenn sie mich fragen, können wir froh sein, dass sie nicht die Kuppel selbst angegriffen haben. Wir sind vollkommen wehrlos.«
Lian Zhao war am Boden zerstört. »Was haben wir denn überhaupt noch von unserem Material übrig, mit dem sich etwas anfangen ließe?«
»Die Kuppel ist intakt, allerdings nur mit Notstromversorgung, die für etwas mehr als zwei Wochen funktionieren dürfte. Die Funkrelaisstation für die Direktverbindung zur Erde ist zerstört, ebenso die Hallen mit den restlichen Raupenfahrzeugen. Wir haben noch keine Gelegenheit gehabt, festzustellen, ob das eine oder andere Fahrzeug überlebt hat. Wir haben fast fünfhundert Männer hier und können sie nicht einsetzen. Bald brauchen wir auch Lebensmittel und Wasser.«
»Scheiße!«, entfuhr es Lian Zhao. Ihr wurde bewusst, dass es nur noch die Akademie gab. Die Basis würde ihr nicht helfen können. Ganz im Gegenteil: Wenn ihr nicht noch etwas einfiel, um das Blatt zu wenden, würde sie als Bittsteller an die UNO herantreten müssen, um ihre Leute nicht verhungern und verdursten zu lassen. Gleichzeitig war die Funkverbindung nach China unterbrochen. Sie war völlig auf sich allein gestellt. Lian spürte förmlich den Druck, unter dem sie stand.
»Was ist mit unserem Abwehrkordon aus umgebauten Frachtern?«, wollte sie wissen. »Können die uns nicht Schützenhilfe leisten?«
»Wo denken sie hin, Kommandantin? Das sind und bleiben Frachter, auch wenn sich an Bord ein Laser befindet. Diese Schiffe sind einfach zu unbeweglich und gegen diesen Gegner nicht zu gebrauchen. Sie haben doch selbst beim ersten Angriff erlebt, was mit den beiden Schiffen geschehen ist, die ihnen im Weg waren.«
Lian Zhao schaltete ab. Es war ihr klar, dass Feng Li auf Befehle von ihr gewartet hatte, doch was hätte sie ihm sagen sollen? Etwa, dass das glorreiche China sich übernommen hatte? Sie begann sich zu fragen, was man in Bejing mit ihr anstellen würde, wenn sie geschlagen zurückkehren würde. Versagen wurde nicht belohnt.
Ning Song, der eigentlich das Kommando in der Akademie führen sollte, wenn Lian Zhao nicht da war, stürzte atemlos ins Büro.
»Sie sind da!«, brüllte er. »Schalten Sie ihren Monitor ein!«
Lian Zhao drückte ein paar Tasten und es erschien das Bild der Ebene vor der Akademie auf ihrem Bildschirm. Die vormals freie Fläche hatte sich in den letzten Tagen stark verändert. Mehrere Geschütze bildeten auf ihren schweren Sockeln einen Halbkreis um die Hangars der Akademie. Innerhalb dieses Halbkreises parkten die vielen Raupenfahrzeuge, für die in den Hallen kein Platz war. Was Lian allerdings jetzt zu sehen bekam, ließ ihr den Atem stocken. Sie kannte die Angriffe des fremden Raumschiffes bisher nur aus den Schilderungen Feng Lis, doch jetzt erlebte sie es mit eigenen Augen. Ein Geschütz nach dem anderen wurde von einem kurzen, gleißenden Strahl getroffen und war in Sekunden nur noch ein Schrotthaufen. Dann sah sie das Schiff selbst – eine riesige, an eine geometrische Figur erinnernde Maschine, die auf ihrem Feuerstrahl wie ein Blatt im Wind tanzte, wobei immer wieder kleine Plasmastöße zum Boden geschickt wurden. Jeder dieser Stöße bedeutete das Ende eines der Raupenfahrzeuge. Hilflos musste sie zusehen, wie der ganze Stolz der Volksarmee in wertloses Metall verwandelt wurde.
»Wir müssen etwas unternehmen!«, rief Ning Song.
Lian Zhao winkte ab.
»Was können wir denn noch unternehmen?«, fragte sie. »Etwa die Stationsbesatzung hinrichten? Nein, mein Freund – das Spiel ist vorbei und wir haben verloren. Wir haben hoch gepokert, doch wussten wir nichts von dem Trumpf im Ärmel der UNO. Es ist bitter, aber ein einziges Schiff hat unsere stolze Armee besiegt.«
»Sie wollen doch nicht jetzt aufgeben?«, entrüstete sich Ning Song. »Das wird in Bejing als Verrat angesehen. Man erwartet von uns, dass wir bis zum Ende kämpfen.«
»Hören Sie doch auf, Ning! Wir sind am Ende! Wir können uns nun aussuchen, ob wir als brutale Schlächter in die Geschichte eingehen, oder ob man uns als vernunftbegabte Menschen in Erinnerung behalten wird. Meinen sie, ich werde jemals wieder einen Fuß auf chinesischen Boden setzen, nach diesem Desaster?«
Ning Song sah sie entgeistert an. »Sie wollen allen Ernstes desertieren?« Seine Hand tastete nach seiner Dienstwaffe.
Lian Zhao war schneller. Bevor Ning Song seine Waffe auch nur ziehen konnte, richtete sie bereits ihre Pistole auf ihn. Sie drückte die Ruftaste für die Wachen und rief die vor ihrer Tür wartenden herein.
»Bitte führen sie Ning Song in eine der Zellen und nehmen ihm die Waffen ab. Er darf mit niemandem sprechen, ohne dass ich es anordne.«
»Sind Sie wahnsinnig geworden?«, fragte Ning Song schrill. »Dafür werden sie vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen.«
»Bringen sie ihn weg!«, befahl sie den Soldaten. »Hören sie nicht auf ihn, er steht bis auf Weiteres unter Arrest.«
Die Soldaten fragten nicht, was vorgefallen war, da sie wussten, dass sie dafür unter Arrest gestellt werden konnten, und führten den laut protestierenden Ning Song ab.
Als die Leute weg waren, atmete Lian Zhao tief durch. Was sie jetzt vorhatte, konnte für sie die Todesstrafe bedeuten. Schweren Herzens drückte sie die Ruftaste der Kommunikation und ordnete an, Irina Onotova und Dr. Kupharhti in ihr Büro zu bringen. Als sie eintrafen, schickte sie die Wachen vor die Tür und bot den beiden Stühle an. Verblüfft über die plötzliche Freundlichkeit der Kommandantin nahmen sie das Angebot an.
»Sie werden sich sicher wundern, dass ich sie schon wieder holen ließ, nicht wahr?«
»Was wollen sie denn nun schon wieder von uns?«, wollte Irina gereizt wissen.
Lian Zhao setzte sich und zündete sich eine Zigarette an, was auf dem Mond im Grunde einem Sakrileg gleichkam.
»Entschuldigen Sie bitte, aber Sie werden gleich verstehen, wieso ich hier auf dem Mond und in ihrer Gegenwart diese Zigarette rauchen muss.«
Sie inhalierte tief den Rauch und blies ihn anschließend an die Decke.
Irina und Kupharhti sahen die Kommandantin erwartungsvoll an.
»Es ist etwas geschehen, das es notwendig macht, dass wir uns unterhalten«, begann sie. »Vor kurzer Zeit hat Ihr Prototyp einen weiteren Angriff geflogen. Er hat nahezu sämtliche Außeneinrichtungen unserer Basis zerstört und dabei auch die Ersatzkabel vernichtet, die wir zu den Reaktoren verlegen wollten. Damit befindet sich unsere Basis in einer Notlage. Gleichzeitig hat Ihr Schiff auch hier vor der Akademie gewütet und unsere Geschütze, sowie die Raupenfahrzeuge zerstört. Ich bin in der prekären Lage, entscheiden zu müssen, ob ich einen Kampf bis zum Letzten führen, und die Besatzung meiner Basisstation opfern will, oder ob ich mich mit ihnen einige.«
Sie machte eine Pause und zog nervös an ihrer Zigarette.
»Ich habe mich entschlossen, eine Einigung herbeizuführen«, sagte sie. »Es hat keinen Sinn, all diese Menschen zu opfern für einen aussichtslosen Kampf. Unser Material ist zerstört, die Basis wertlos, wir können keinen Nachschub erhalten. Ich sehe ein, dass wir diesen Kampf nicht gewinnen können, und bin bereit, ihnen die Station wieder zu übergeben – unter einer Bedingung.«
Kupharhti glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. »Welche Bedingung meinen sie?«
»Die Aufgabe kommt einem Verrat gleich und würde in China zur Todesstrafe führen. Ich will, dass sie jedem, der es will, Asyl gewähren und uns nicht an China ausliefern.«
Irina war sprachlos. Das waren ganz andere Töne, als noch vor Kurzem. Alle Überheblichkeit war von Lian Zhao gewichen.
»Wenn das ihr Ernst ist, muss ihnen klar sein, dass wir sie und ihre Leute zunächst unter Arrest stellen müssen«, sagte Kupharhti. »Bis wir vom UNO-Hauptquartier weitere Anweisungen erhalten. Wir erwarten in einem solchen Fall die vollständige Entwaffnung ihrer Truppen – auch der Truppen in ihrer eigenen Basis. Die Frachter verschwinden aus dem Orbit und werden abgezogen. Wenn sie sich damit einverstanden erklären können, kommen wir ins Geschäft.«
»Einverstanden«, sagte Lian Zhao. »Ich habe meinen Stellvertreter Ning Song bereits unter Arrest stellen lassen, weil er einen harten Kurs einschlagen wollte. Ich werde, solange ich noch die Befehlsgewalt habe, meine Truppen auffordern, sich entwaffnen zu lassen und sich ihren Leuten zu ergeben. Ich erwarte allerdings, dass es auch nicht zu Überreaktionen seitens ihrer Leute kommt. Können sie mir das garantieren?«
»Ich garantiere für meine Leute«, sagte Irina. »Geben sie ihre Anweisungen und ich garantiere ihren Leuten eine vernünftige Behandlung.«
Eine Stunde später war alles vorbei. Die Akademie war zurück in der Hand der UNO. Die Übergabe war weitgehend reibungslos verlaufen.
Irina führte ein paar Gespräche mit dem Hauptquartier und der GINA DACCELLI, die nur wenig später leicht wie eine Feder vor der Akademie aufsetzte.
Kupharhti hielt Wort. Die Gefangenen wurden gut behandelt und bald wurden die ersten Versorgungslieferungen an die chinesische Basis auf den Weg gebracht.
Als am Ende dieses Tages Jan und Isabella endlich allein waren, sanken sie erschöpft ins Bett.
»Ob wir jemals die Chance haben werden, einen normalen Arbeitstag zu erleben?«, fragte Jan. »Es geht mir ganz schön auf die Nerven, dass wir von einer Extremsituation in die Nächste stolpern. Ich möchte endlich auch mal Zeit für dich haben.«
»Du meinst Zeit für uns, oder?«, fragte Isabella.
»Natürlich meine ich das.«
Jan drehte sich auf den Bauch und stützte sich mit den Armen ab.
»Wie lange sind wir jetzt eigentlich schon zusammen?«, fragte er.
»Soll das ein Test sein, oder weißt du‘s wirklich nicht?«, fragte sie lächelnd zurück.
»Was ich damit sagen will, ist, dass wir schon von Anfang an hier auf dem Mond zusammen waren und uns nichts auseinandergebracht hat. Ich bin der Meinung, dass wir es auch noch länger miteinander aushalten könnten, oder?«
Isabella lächelte. »Worauf willst du hinaus, Jan?«
»Was hältst du davon, wenn wir heiraten?«, fragte er.
»Heiraten?«, fragte Isabella. »Ist das dein Ernst? Einfach so?«
»Nicht einfach so! Ich frage das ganz bewusst. Willst du mich heiraten, Isabella?«
Sie sagte nichts, aber sie warf sich in seine Arme und presste sich eng an ihn.
»Ist das ein Ja?«, wollte er wissen.
»Du Dummkopf«, sagte sie und küsste ihn leidenschaftlich auf den Mund. »Sicher war das ein Ja«, sagte sie, als sie beide wieder zu Atem gekommen waren.