14. Tanz auf dem Vulkan
14.03 Der Simulator

Isabella schlief nicht gut in dieser Nacht. Sie träumte wirres Zeug, in dem immer wieder die Kollision ihres zerstörten Schiffes mit dem Asteroiden auftauchte. Dann war da Jan und auch Christina.

irgendwann wachte sie schweißgebadet auf und überlegte. Hatte sie ein schlechtes Gewissen bei dem, was sie vorhatte? Warum eigentlich? Millionen Frauen hatten Kinder und übten daneben noch einen Beruf aus. Gut, sie hatte einen äußerst speziellen Beruf, aber das konnte kein Grund dafür sein, ihn aufzugeben. Als die Digitaluhr an ihrer Wand anzeigte, dass es Morgen auf dem Mond war, stand ihr Entschluss fest. Sie versorgte Christina und machte sich mit ihr auf den Weg zur Kinderkrippe. Trotz allem war es ein komisches Gefühl, ihre Tochter dort zurückzulassen, doch sie wich nicht von dem einmal gefassten Plan ab. Wenige Minuten später betrat sie Irinas Büro.
»Isabella!«, rief Irina erfreut. »Hast du's dir überlegt?«
»Ja«, sagte Isabella. »Ich dachte, es kann nicht schaden, den Simulator wenigstens mal anzuschauen.«
»Das passt gut. Ich wollte sowieso zu Tomasz«, erklärte Irina. »Er betreut den Simulator und kann dir alles erklären. Am besten begleitest du mich gleich. Ist Christina gut aufgehoben, oder ist deine Zeit begrenzt?«
»Wir haben Zeit. Ich hab sie in die Krippe gebracht.«
»Gut, dann lass uns gehen«, schlug Irina vor. »Je eher du dir ein Bild von unserem neuen Vogel machen kannst, umso besser.«
»Moment«, wandte Isabella ein. »Ich hab nicht gesagt, dass ich mich entschieden hätte, diese Maschine zu fliegen. Ich schau mir nur den Simulator an – nichts weiter.«
Irina grinste. Sie spürte, dass sie Isabella bereits am Haken hatte und hoffte, dass Tomasz ihr die Sache schmackhaft machen würde. Isabella wäre genau die Richtige für diesen Job. Zum einen hatte sie die erforderliche Erfahrung, und zum anderen wären es Flüge, die nicht all zu lange dauern würden. Sie würde also genügend freie Zeit finden, sich um die Erziehung ihrer Tochter zu kümmern. Notfalls würde sie selbst noch ein Gespräch mit Jan führen, um ihm darzulegen, wie wichtig es wäre, Isabellas Fähigkeiten als Pilotin nicht zu vergeuden. Außerdem war sie der Meinung, Jan könnte sich durchaus auch mal um die Belange seiner Tochter kümmern.
Sie gingen zur nahe gelegenen Station der Röhrenbahn, welche seit einigen Monaten die Akademie mit der früheren chinesischen Mondbasis verband. Seit der Auseinandersetzung mit der chinesischen Armee, die eine Annexion des Mondes angestrebt hatte und glücklicherweise damit gescheitert war, wurde die ehemalige chinesische Station als zweites Standbein der Akademie genutzt. Mit der Eröffnung der Röhrenbahn gehörten die mühseligen Fahrten mit dem Jumper oder Gleiterflüge der Vergangenheit an. Innerhalb weniger Minuten konnte man bequem von einer Station zur anderen fahren, ohne sich in einen Raumanzug zwängen zu müssen.
Bereits nach kurzer Fahrt erreichten sie die Station ›Langer Marsch‹, die nach der ersten brauchbaren Trägerrakete der Volksrepublik China benannt war. Von hier aus gelangten sie in den ursprünglichen Trakt der ehemaligen chinesischen Station. An der Hauptschleuse wurden sie bereits von Lian Zhao erwartet, die noch immer diese Station leitete.
»Hallo Lian!«, rief Irina schon von Weitem. »Wartest du etwa auf uns?«
»Sicher«, bestätigte Lina. »Hoher Besuch spricht sich in unserem Dorf immer schnell herum. Außerdem war ich sowieso in der Nähe.«
Die beiden Frauen begrüßten sich herzlich. Früher standen sie sich als Feinde gegenüber, doch seither war viel Zeit vergangen und zwischen ihnen hatte sich eine tiefe Freundschaft entwickelt.
Lian ging auf Isabella zu und begrüßte sie ebenso herzlich.
»Ich freue mich, Sie persönlich kennenlernen zu dürfen«, sagte sie. »Immerhin haben wir in der Vergangenheit unter anderen Vorzeichen miteinander zu tun gehabt. Damals hatte ich ihnen allen in der GINA DACCELLI den Tod gewünscht, das können sie mir glauben. Heute sehe ich das natürlich vollkommen anders, und ich bin froh, wie es letztlich gelaufen ist. Ich heiße also hiermit die beste Pilotin der Akademie herzlich willkommen.«
Isabella ergriff die dargebotene Hand. »Das meinen Sie doch nicht ernst – ich meine, das mit der besten Pilotin.«
»Oh doch«, sagte Lian fröhlich. »Ich weiß zwar, dass damals nicht Sie, sondern Ihr Mann dieses Plasmaschiff geflogen hat, aber wir bekommen durchaus mit, was unsere Leute leisten, und was ich bisher über Sie gehört habe, verdient meinen Respekt. Ich freue mich, dass ich Sie mit unserem Simulations-Trainer bekannt machen darf. Er freut sich ebenfalls bereits auf die Zusammenarbeit mit Ihnen.«
Isabella blickte sich zu Irina um.
»Irina, ich habe mich noch nicht entschieden«, sagte sie vorwurfsvoll.
Irina zuckte mit den Schultern. »Nun, ich hatte einfach das Gefühl, dass dich die Sache reizen würde. Es kann sein, dass ich gestern eine kleine Andeutung gemacht habe, als ich mit Lian gesprochen habe.«
»Gefühl, hm?«, sagte Isabella. »Ich wiederum werde das Gefühl nicht los, als würdet Ihr mich in eine bestimmte Richtung schubsen.«
Die beiden anderen Frauen winkten vehement ab und machten einen regelrecht ertappten Eindruck. Es wirkte so lustig, dass Isabella lachen musste. Das Eis war gebrochen. Isabella musste sich ja selbst eingestehen, dass sie neugierig auf das neue Schiff war. Zwar hätte sie keine Chance, das Original zu testen, aber Simulatoren waren heutzutage exakt der Realität nachempfunden.
»Gut, Ihr habt gewonnen«, gab sie sich geschlagen. »Dann lasst mal sehen, was Ihr zu bieten habt.«
Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie unvermittelt bei Lian Zhao vom Sie zum du übergegangen war. Lian sah ihr an, was ihr durch den Kopf schoss und meinte, dass das in Ordnung ginge.
Sie machten sich auf den Weg und Lian führte sie. Isabella war bisher noch nie in der alten chinesischen Station gewesen und war daher überrascht, wie großzügig man hier geplant hatte. Die Decke war für ihren Geschmack unangemessen hoch. Es war eine unverzeihliche Platzverschwendung in einem Ressort, in dem es auf Zweckmäßigkeit ankam. Lian bemerkte, wie Isabella sich dauernd umblickte und die Einrichtung bestaunte.
»Diese Station wurde von der Volksrepublik China gebaut, um damit zu protzen«, erklärte sie. »Kosten spielten überhaupt keine Rolle. Man wollte zeigen, wozu die Großmacht China in der Lage war – deshalb diese riesigen Räume. Es wird sich allerdings bald etwas ändern. Mir liegen bereits Pläne vor, ein Zwischendeck einzuziehen. Also bestaune unser Reich, solange es noch so ist.«
»Ich fragte mich schon, was das soll«, sagte Isabella. »Allein die Kosten für die Beheizung und Kühlung müssen immens sein.«
Sie waren inzwischen an einem großen Tor angelangt, auf das jemand mit Farbe ›Achtung Simulator‹ gepinselt hatte.
»So, da wären wir«, sagte Lina. »Hier ist das Reich von Tomasz. Ich werde mal nachsehen, ob er im Augenblick Zeit hat.«
Sie öffnete eine kleine Tür neben dem Tor und verschwand dahinter. Nach kurzer Zeit erschien sie wieder und hatte einen Mann bei sich, der ausgewaschene, verblichene Jeans trug, ein Batik-T-Shirt, wie man es vor über fünfzig Jahren vielleicht getragen hatte, und schulterlange Haare, die er zu einem Zopf gebunden trug. Er hatte etwa Isabellas Alter.
»Isabella darf ich dir unseren Spezialisten für Simulationen vorstellen?«
Der Mann drängte sich an Lian vorbei und kam gleich auf Isabella zu, deren Hände er ergriff und heftig schüttelte.
»Ich freue mich so sehr, Sie kennenzulernen«, sagte er. »Ich muss Ihnen gleich zeigen, was Sie erwartet. Sie werden begeistert sein.«
Lian räusperte sich vernehmlich und unterbrach Tomasz Redefluss. Er blickte sich um und stockte.
»Entschuldigen Sie, Frau Lückert, ich bin Tomasz Sikorski, Simulations- und Virtualisierungsexperte der UNO. Ich bin einfach überwältigt.«
Isabella fühlte, wie sie allmählich ärgerlich wurde. »Herr Sikorski, ich bin Pilotin, keine Volksheldin.«
»Ich weiß, ich weiß«, sagte Tomasz. »Sie können mich Tomasz nennen, das tun sie hier sowieso alle. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, wie sehr ich mich freue, mein Objekt jemandem zeigen zu können, der etwas von seiner Arbeit versteht. Ich denke, dass wir gut zusammenarbeiten können. Dürfte ich Sie einladen, die Anlage anzuschauen – vielleicht sogar einen kleinen Flug zu unternehmen?«
»An mir soll es nicht liegen«, sagte Isabella. »Erwarten Sie nur nicht zu viel von mir. Ich kenne diesen Schiffstyp nicht und werde ihn sicherlich nicht auf Anhieb fliegen können.«
»Das macht überhaupt nichts. Ist eh nur eine Simulation. Kommen Sie!«
Tomasz deutete einladend auf die Tür zu seinem Büro.
»Geh ruhig allein«, sagte Irina. »Ich hab mit Lian noch Einiges zu klären und wir würden doch nichts von dem verstehen, was Ihr zu besprechen habt.«
Isabella verabschiedete sich von den beiden Frauen und folgte Tomasz in dessen Büro. Noch nie hatte sie ein derart chaotisches Büro gesehen. Überall standen Bildschirme und Computer herum – sämtlich eingeschaltet – und zeigten unverständliche Bilder. Die Tische waren übersät mit Unterlagen und Diagrammen, selbst die Stühle waren mit Stapeln von Zetteln und Blättern belegt.
»Schauen Sie einfach nicht hin«, sagte Tomasz, als er Isabellas missbilligenden Blick bemerkte. »Wir werden uns hier nicht aufhalten, sondern gleich in den Simulator wechseln.«
Er öffnete eine weitere Tür und ließ Isabella den Vortritt. Erst stockte sie, weil es in dem Raum finster war, doch einen Augenblick später flammten helle Lampen auf, die den Raum bis in den letzten Winkel ausleuchteten.
»Voila, der Simulator«, sagte Tomasz und machte eine alles umfassende Geste mit dem Arm. Isabella sah ihn fragend an, denn der riesige Raum war fast vollkommen leer. Lediglich in der Mitte standen ein paar Kontursessel, wie sie auch in einem Raumschiff montiert sein konnten, sowie einige Pulte mit Bedienelementen. Als sie näherkamen, konnte sie erkennen, dass die Bedienelemente offenbar keine Funktion hatten. Es waren nur Attrappen.
»Können sie mir verraten, was das hier soll?«, fragte Isabella. »Ich muss gestehen, dass ich mich etwas veralbert fühle.« Sie deutete mit der Hand herum. »Das ist nichts weiter als eine große Lagerhalle. Und der Kommandostand?« Sie zögerte einen Moment. »Das ist nur eine billige Attrappe!«
Tomasz tat beleidigt. Er wirkte wie ein Mann, der noch nicht ganz erwachsen geworden ist, und dem sie soeben sein Spielzeug weggenommen hatte.
»Sie werden es verstehen«, sagte er verkniffen. »Warten Sie ab.«
Er öffnete eine Klappe an der Seite einer der Konsolen und holte zwei merkwürdig geformte Helme hervor. Einen davon reichte er Isabella.
»Hier. Setzen Sie diesen Helm auf. Er müsste Ihnen passen.«
Isabella nahm den Helm entgegen und drehte ihn in ihren Händen.
»Was ist das für ein Ding?«, fragte sie. »Der Helm ist ja vorn vollkommen undurchsichtig.«
»Das ist ein Virtualisierungshelm«, erklärte Tomasz. »Auf seiner Innenseite vorn ist ein spezieller Monitor eingebaut, der seinem Träger einen optischen Eindruck vorspiegelt, der real nicht vorhanden ist. Setzen Sie ihn auf – Sie werden schon sehen.«
Zögernd stülpte Isabella sich den Helm über den Kopf. Er wirkte zunächst zu groß für ihren Kopf, doch einen Augenblick später passte sich die Fütterung der Innenseite automatisch an ihre Kopfform an. Sowie er korrekt saß, wurde es hell um sie. Der Monitor hatte sich eingeschaltet und sie hatte unvermittelt den Eindruck, mitten in der Zentrale eines Raumschiffes zu stehen.
»Wow!«, entfuhr es ihr. »Das ist ja absolut irre. Ich bin beeindruckt.«
Neben sich sah sie Tomasz stehen – ohne Helm.
»Willkommen in der virtuellen Welt meines Simulators!«, sagte Tomasz lächelnd. »Sitze und Konsolen sind mit den realen Gegenständen hier in der Halle synchronisiert. Ich selbst habe mich natürlich auch in dieses System eingebracht, deshalb können Sie mich sehen, mit mir sprechen, mich berühren oder was auch immer. Nehmen Sie Platz und lassen Sie den Kommandostand der RISING STAR auf sich wirken.«
Isabella tat, wie ihr geheißen und nahm vor der Konsole Platz. Interessiert schaute sie sich um. Es war alles da, was man an Bord eines Raumschiffes erwarten würde: ein großer Frontbildschirm, Instrumente für Navigation, Kommunikation, Ortung und so weiter. Sie berührte versuchsweise einige der Hebel und Schalter, die sich fest und kühl anfühlten.
»Nur zu«, forderte Tomasz sie auf. »Alle Instrumente und Hebel haben eine Entsprechung auf dem realen Pult. Jeder Hebel, jeder Schalter und jede Taste steuert über die virtuelle Darstellung das Schiff, als wären Sie tatsächlich an Bord des Originals. Wie wär's mit einem kleinen Flug? Es macht ja nichts, wenn es zu einem Absturz oder einer Kollision kommt. Es ist ja nur eine Simulation.«
»Mich irritiert, dass sämtliche Bereiche auf meinem Pult zusammenlaufen«, sagt Isabella. »Wo sitzt der Techniker, der Funker, der Orter oder der Navigator?«
»Das sind alles Sie«, erklärte Tomasz. »Die RISING STAR erfüllt nur einen einzigen Zweck: Sie soll so schnell fliegen, wie es geht und alle Erscheinungen dabei aufzeichnen. Es erfordert wenig von dem, was ein normales Schiff ausmacht. Dieses Schiff wird nur von einer einzigen Person geflogen. Die anderen Funktionalitäten sind, sofern vorhanden, weitgehend automatisiert, können aber auch manuell von hier aus gesteuert werden. Die Instrumente für das Korpuskulartriebwerk, mit dem Sie aus der Nähe des Mondes herausfliegen müssen, sowie für die Plasmatriebwerke sind Ihnen sicherlich bekannt. Neu ist nur dieser Block hier.«
Er wies auf eine ganze Reihe von Hebeln und Anzeigen, die sie noch niemals gesehen hatte: die Steuerung des Antimaterieantriebs.
Isabella studierte die Instrumente und fand, dass sie im Grunde von den Instrumenten des Plasmaantriebs nicht so verschieden waren. Allerdings gab es eine Reihe von Sicherungen, wie sie bei den bekannten Triebwerkstypen nicht notwendig waren. Sie traute sich aber durchaus zu, diesen Vogel zu fliegen – zumal es sich auch nur um eine Simulation handelte.
»Muss ich in der Simulation auch erst mit der Bodenstation Kontakt aufnehmen?«, wollte sie wissen.
»Im Echtmodus schon«, sagte Tomasz. »Ich würde jedoch empfehlen, jetzt nur den sogenannten Game-Modus zu wählen, dann geht es nur ums Fliegen. Sie müssen vor dem Start des ersten Triebwerks nur auf der Tastatur den Code 090 eingeben, dann brauchen wir die Kommunikation nicht.«
»O. k., auf die Gefahr hin, dass ich diesen Versuch in den Sand setze«, sagte Isabella. »Ich werde mir gern mal einen Eindruck von dem verschaffen, was dieses Schiff leisten soll.«
Sie gab den Code ein, den sie von Tomasz erhalten hatte, und aktivierte die Startsequenzen für die Korpuskulartriebwerke. Nach kurzer Zeit sprachen die Instrumente an und sie erhielt einen ersten Eindruck von der ungeheuren Masse des Schiffes. Sie hatte bereits voll beladene Frachter gesteuert, doch die gestaffelten Zyklotrone, die für den Antimaterie-Antrieb erforderlich waren, waren noch eine ganz andere Kategorie. Sie spürte, dass sie mehr Schub geben musste, um das Schiff spürbar in Bewegung zu setzen. Schließlich bewegte sich die Fahrtanzeige und das Distanzradar bestätigte ihr, dass sie gestartet war. Tomasz beobachtete bewundernd, wie Isabella wie selbstverständlich ein ihr völlig fremdes Schiff handhabte, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie wies zwar immer wieder darauf hin, dass sie es beim ersten Test sicherlich ruinieren würde, doch spürte er förmlich das Gefühl, das sie für Raumfahrzeuge besaß.
Als das Schiff genügend Abstand von Mond erreicht hatte, schaltete sie die Plasmatriebwerke hinzu. Den Kurs hatte sie beiläufig auf den Saturn gesetzt, nur, um überhaupt ein Ziel zu haben. Die RISING STAR machte einen Satz nach vorn. Isabella begriff sofort, dass die Bündelung mehrerer im Kreis angeordneter Plasmatriebwerke einen Schub erzeugten, wie sie ihn bisher noch bei keinem Schiff erlebt hatte.
»Im Ernstfall würden wir jetzt aber ordentlich in unsere Liegen gepresst«, sagte sie. »Es wäre nicht schlecht, wenn man auch das simulieren könnte.«
»Wie sollte das gehen?«, fragte Tomasz. »Das lässt sich real hier auf dem Mond nicht machen. Selbst, wenn wir die Anlage in eine Zentrifuge einbauen würden, könnten wir sie nur allmählich auf Touren bringen. Die RISING STAR wird da etwas spontaner sein.«
»Das meine ich nicht«, sagte Isabella. »Mein Problem liegt woanders. Bereits jetzt würden wir unter etwa sechs G zu leiden haben, aber was wird geschehen, wenn wir den Hauptantrieb zünden? Das hält doch kein Mensch aus, oder?«
»Der Hauptantrieb wird uns mit etwa sechzehn G beschleunigen«, sagte Tomasz.
»Sechzehn? Ich hab mich wohl verhört! Dann wird man dieses Schiff unbemannt fliegen lassen müssen, denn das hält kein Lebewesen aus, gleichgültig, wie gut die Polsterung der Liegen ist.«
»Dr. Burmester hat dafür eine Lösung gefunden«, sagte Tomasz und biss sich auf die Lippen. Er hatte nicht vorgehabt, dieses Problem bereits jetzt anzusprechen. Es stand zu befürchten, dass Isabella abspringen würde, wenn er ihr jetzt schon zu viel verraten würde. »Sie müssen ihn aber selbst fragen. Es war nie Thema für meine Simulationen. Ich arbeite nur an der Funktionalität des Schiffes.«
Isabella wurde nachdenklich. Sechzehn G war ein Wert, dem einfach kein lebendes Wesen widerstehen konnte. Welche Lösung will Dr. Burmester gefunden haben? Sechzehn G sind sechzehn G, daran ließ sich nichts ändern. Sie nahm sich vor, ihn bei Gelegenheit danach zu fragen.
»Ich werde mir jetzt anschauen, was geschieht, wenn ich die Antimaterie-Einspeisung aktiviere.«
»Machen Sie nur«, sagte Tomasz aufmunternd. »Sie werden staunen, wie Sie bisher dahergeschlichen sind, wenn Sie ein Raumschiff gesteuert haben.«
Isabella aktivierte den Steuercomputer für die Feinkontrolle. Gleichzeitig erwachten noch weitere Rechner zum Leben. Nach kurzer Zeit erhielt sie die Meldung, dass alle Sicherheitssysteme bereit wären und die Antimaterie-Injektoren bereit waren. Gleichzeitig liefen die schweren Zyklotrone an und ein Countdown erschien auf ihrem Display, welches ihr anzeigte, wann die Magnetfelder stabil genug sein würden, die Urgewalten zu zähmen, die sie freisetzen wollte. Endlich war es so weit und sie presste entschlossen ihre Hand auf den Zündschalter. Im selben Augenblick änderte sich das Bild auf dem Frontbildschirm dramatisch. Sie hätte es nicht für möglich gehalten, dass man es sogar optisch auf den Bildschirmen wahrnehmen konnte, wie stark das Schiff beschleunigte. Isabella überlegte, was sie tun konnte, wenn ihr in dieser Phase des Fluges ein Hindernis in die Flugbahn geraten würde. Sie spielte mit den steuernden Plasmatriebwerken herum und beobachtete, wie das Schiff darauf reagierte. Sie kam zu dem Schluss, dass ein kurzfristiges Ausweichmanöver nicht möglich sein würde. Eine Richtungsänderung – und sei sie auch noch so klein – war nur in minimalen Schritten möglich und würde mir zunehmender Geschwindigkeit immer unmöglicher werden. Sie würde darauf hoffen müssen, dass der einmal festgelegte Kurs keine Überraschungen bereithalten würde. Was dachte sie da eigentlich? Sah sie sich etwa schon als Pilotin dieses Ungetüms? Schnell verwarf sie den Gedanken wieder. Mit der rechten Hand schlug sie auf die Deaktivierungstaste der Triebwerke.
»Schluss!«, rief sie entschlossen. »Es reicht für heute. Ich muss erst mal wieder durchatmen.«
Sie schaltete die Simulation einfach ab und zog sich den Helm vom Kopf. Die Illusion einer Schiffszentrale verflüchtigte sich. Sie waren wieder allein in einer großen, leeren Halle.
»Was ist mit Ihnen?«, wollte Tomasz wissen. »Hatten Sie irgendwelche Probleme?«
»Mir ist dieser Vogel noch unheimlich«, gestand sie. »Es fällt mir auch schwer, mir vorzustellen, dass Mensch und Maschine eine solche Belastung überstehen können.«
»Nun, das klären Sie am besten mit den Konstrukteuren der RISING STAR persönlich«, sagte Tomasz. »Damit hab ich nichts zu tun. Aber wie sieht es denn aus? Hätten Sie Lust, wenigstens am Simulator weiterzuarbeiten? So, wie ich eben gesehen habe, dürfte es Ihnen keine Schwierigkeiten bereiten, die Bedienung des Schiffes in kurzer Zeit zu erlernen.«
»Ich weiß noch nicht so recht«, meinte Isabella. »Andererseits wäre ich wenigstens wieder am Ball und könnte in absehbarer Zeit wieder als Pilotin arbeiten. Mir fehlt die Raumfahrerei doch sehr.«
»Sehen Sie?«, fragte Tomasz erfreut. »Mein Simulator ist da für Sie doch genau das Richtige. Sie können ihn benutzen, wann immer Sie wollen, außer, wenn ich gerade das System pflege. Aber Sie können mich ja anrufen, bevor Sie kommen. Mir jedenfalls würde es Spaß machen, mit einem Profi zusammenzuarbeiten. Sie könnten dazu beitragen, mein System zu perfektionieren.«
Isabella überlegte noch einen Moment, dann stimmte sie zu. »Sie haben Recht, Tomasz. Ich werde Ihnen helfen, Ihr System zu perfektionieren. Ich denke, dass ich zwei Mal in der Woche mit Ihnen hier arbeiten kann. Wäre das in Ordnung?«
»Perfekt!«, rief er aus. »Sie werden es nicht bereuen – das verspreche ich Ihnen.«
Sie verabschiedeten sich und Isabella machte sich auf den Heimweg zur Akademie. Während sie in der Kabine der Röhrenbahn saß, fragte sie sich, ob ihre Entscheidung richtig gewesen war, denn was sollte es letztlich bringen, wenn sie die Bedienung eines Schiffes erlernte, das sie mit Sicherheit nicht fliegen würde. Sechzehn G! Allein diese Zahl war der blanke Irrsinn. Dieser Andruck würde sie nach kurzer Zeit zu Brei zerquetschen und vermutlich auch das Schiff zerlegen. Nein, sie brauchte keine Reise ohne Wiederkehr. Es konnte aber auch nicht schaden, etwas im Simulator zu üben und so wenigstens in Übung zu bleiben.