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Leseprobe: Libertas

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LibertasCover600x800Für die Leseprobe habe ich ein Kapitel aus der Mitte des Buches ausgewählt und hoffe, dass es das Interesse meiner Leser wecken kann, mehr davon zu lesen ... 😃

3.6  Denver

Petr konnte noch nicht lange geschlafen haben, als Gus ihn mit der Hand anstieß. Petr schreckte hoch und wusste im ersten Moment überhaupt nicht, wo er sich befand. Irritiert blickte er zur Seite und sah Gus, der mit der Hand nach vorn zeigte.
»Wir werden gleich landen«, erklärte er. »Dort vorn sind bereits die Ausläufer von Denver.«
»Ok«, antwortete Petr und gähnte herzhaft. »Ich bin gleich wieder auf dem Damm. Gib mir einen Augenblick.«
»Kein Problem«, meinte Gus. »Wir müssen noch darüber sprechen, wie es weitergeht. Wenn ihr wirklich anonym weiterfliegen wollt, solltet ihr gleich die Maschine nicht verlassen und Emilia und mich allein aussteigen lassen.«
»Was?«, fragte Petr. »Ich denke, du willst uns auch in der großen Maschine mitnehmen.«
Gus machte eine beschwichtigende Geste mit der Hand.
»Bleib ruhig, mein Freund. Ich weiß genau, was ich tue. Wenn ihr aussteigt und das Flughafengebäude betretet, wird man euch kontrollieren. Was denkst du, wie lange es danach dauern wird, bis die Kavallerie aus Maryland es mitbekommt und euch hier festsetzt?«
Petr schluckte und drehte sich auf seinem Sitz um. In der zweiten Reihe saßen noch immer Melody und Emilia, die sich angeregt unterhielten. Mel winkte ihm zu und deutete einen Kuss mit ihrem Mund an.
»Wir sollen gleich in der Maschine bleiben«, sagte Petr.
»Ich weiß«, antwortete Mel. »Emilia hat mir schon alles erklärt. Nicht jeder hat hier geschlafen, mein Schatz. Wir warten, bis Gus und Emilia die Maschine von TransCargo übernommen haben. Dann werden sie sich mit uns in Verbindung setzen und wir laufen quer über das Flugfeld zu der Maschine und steigen dort wieder ein. Niemand wird mitbekommen, dass wir überhaupt hier waren.«
Petr drehte sich wieder um.
»Hattest du nicht gesagt, dass du noch einen Co-Piloten bekommst?«, fragte er Gus. »Der wird uns doch sehen. Wird er sich nicht fragen, welche Rolle wir spielen?«
Gus winkte ab. »Ich kenne den Mann von früher. Er heißt Ricardo Diaz und ist in Ordnung. Ich werde ihm sagen, dass Ihr Beschäftigte meiner Transportfirma in Frisco seid. Wir müssen ja nicht so tun, als wärt Ihr Piloten. Dann würde er stutzig. Aber wenn Mrs. Parker zum Beispiel Buchhalterin oder Programmiererin und du Sicherheitsfachmann bist, wird er es fressen, da bin ich sicher.«
Inzwischen war die Landebahn von Denver bereits gut zu sehen und Gus bereitete sich darauf vor, dort niederzugehen. Die Formalitäten mit dem Tower waren bereits erledigt, so dass sie ohne weitere Verzögerung landen konnten. Petr schaute interessiert aus dem Fenster und verfolgte das hektische Treiben, welches sich vor ihnen abspielte. Der Flughafen von Denver hatte ähnliche Ausmaße wie der von San Francisco. Wie Gus ihm erklärt hatte, war Denver die Drehscheibe für alles, was sich zwischen der Ost- und Westküste abspielte. Allerdings gab es auch viele Gesellschaften aus dem Ausland, die direkt von Europa aus Denver anflogen.
Als sich die Räder der Cessna dem Boden näherten, hielt sich Petr unwillkürlich fest. Gus, der es beobachtet hatte, schüttelte nur lachend den Kopf und meinte: »Dich können wir wirklich niemandem als Pilot verkaufen. Wenn dich ein Fluggast sehen würde, würde er gleich wieder aus der Maschine aussteigen.«
»Ich kann nichts dafür«, protestierte Petr.
»Ich hoffe, dass mein Held wieder festen Boden unter den Füßen hat, wenn er mich wieder beschützen muss«, tönte es von hinten und anschließend hörte Petr die beiden Frauen kichern.
»Was meint Mrs. Parker?«, wollte Gus wissen.
»Ach, es gab da einen Typen in ihrer Firma, der sie massiv bedrängt hatte. Es geschah genau in dem Augenblick, als ich dort eintraf. Ich mischte mich ein und überwältigte den Kerl. Das ist alles.«
»Bist du Kampfsportler?«
Petr nickte.
»Teakwon-do«, sagte er. »Schwarzer Gurt, vierter Dan.«
Gus pfiff durch die Zähne. »Ich mache auch etwas Kampfsport - im Übrigen auch Teakwon-do, aber ich habe es nur bis zum roten Gurt gebracht.«
»Na, wenn schon«, meinte Petr. »Wenn es Ärger gibt, hätte ich dich schon gern an meiner Seite.«
Gus antwortete nicht, er musste sich konzentrieren, um das Flugzeug nach dem Aufsetzen grade zu halten. Anschließend dauerte es eine Weile, bis sie ihre endgültige Parkposition an einem Nebengebäude des Flughafens eingenommen hatten. Gus schaltete den Motor aus und es wurde still in der Cessna.
»Wir werden uns jetzt sofort beim Büro von TransCargo melden«, erklärte Gus. »Wir sind sowieso schon etwas spät dran. Vermutlich wird man uns relativ schnell zu unserer neuen Maschine bringen, weil sie Termine einzuhalten haben. Trotzdem kann es dauern, bis ich mich melden werde. Wir lassen euch Emilias Handy da, damit wir Kontakt aufnehmen können. Bleibt bis dahin besser in der Maschine.«
»Und wenn wir mal müssen?«, fragte Melody.
»Was müssen?«, fragte Gus und sah sie ratlos an.
»Mein Gott, müsst Ihr Piloten nie zum Klo?«, fragte Melody genervt.
»Ach so«, sagte Gus und grinste. »Natürlich könnt ihr das. Dort drüben, in dem Nebengebäude, gibt es Toiletten. Wenn euch jemand fragt, dann sagt einfach, ihr gehört zu CAT aus San Francisco. Normalerweise wird man euch nicht weiter behelligen.«
Gus und Emilia schnappten sich ihre Taschen und verließen die Cessna. Gus tippte sich noch einmal an die Mütze, während Emilia ihnen noch einmal zuwinkte.
»Kommst du zu mir nach hinten?«, fragte Melody. »Hier können wir uns etwas zusammenkuscheln. Die Bank hier ist richtig bequem.«
Petr kletterte aus seinem Sitz und kam zu ihr nach hinten. Sie streckte ihm die Arme entgegen, was Petr ein leises Lachen entlockte.
»Was ist daran so lächerlich?«, fragte sie und zog einen leichten Schmollmund. »Ich dachte, du würdest dich freuen, wenn wir uns die Wartezeit etwas verkürzen können.«
Petr setzte sich neben Melody und gab ihr einen Kuss.
»Das ist auch eine sehr gute Idee von dir«, sagte er danach. »Sind wir uns denn jetzt einig und wehren uns nicht mehr dagegen, einander zu mögen?«
Melody lehnte sich an ihn und ließ sich von ihm in den Arm nehmen.
»Es ist schon eigenartig«, sagte sie nachdenklich. »Wir kennen uns erst so kurze Zeit, aber bei dir habe ich das Gefühl, als würde ich dich schon lange kennen.«
Sie wandte ihm ihr Gesicht zu.
»Ich habe so etwas noch nie in dieser Form erlebt, weißt du das?«
Petr gab ihr einen langen, gefühlvollen Kuss und spürte, wie Melody in seinen Armen weich wurde. Er hatte noch immer Probleme, es sich einzugestehen, aber er schien sich hoffnungslos in diese Frau verliebt zu haben. Ihre Nähe und das Gefühl ihres warmen Körpers erregte ihn mehr, als er ertragen konnte. Seine Hände begannen eine Wanderschaft über ihren Körper und erforschten seine Formen und Kurven. Erst, als seine Hände an ihren Schenkeln emportasteten und in ihrer Bluse verschwanden, begann sie, sich zu wehren.
»Was ist los?«, fragte Petr, als sie sich schwer atmend voneinander getrennt hatten.
»Petr, das geht nicht!«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Ich kann das nicht.«
Irritiert sah er sie an. »Nein? Entschuldige, dann habe ich da etwas falsch verstanden. Ich dachte, du hättest mir pausenlos Signale gesendet und ... na ja. Du verstehst schon.«
Sie zog ihre Bluse glatt und zog ihren Rock herunter, fuhr sich mit den Händen durch die Haare.
»War es das jetzt?«, fragte er.
Ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln. »Du verstehst es schon wieder falsch, Petr. Ich mag dich. Mag dich sogar sehr. Und du hast vollkommen recht. Ich habe dir Signale gesendet. Aber wir sitzen hier wie auf dem Präsentierteller. Wenn jemand von dem Gebäude dort hier herüberschaut, kann er uns sehen ... ich kann das nicht!«
»Entschuldige«, sagte Petr schuldbewusst, »aber ich konnte nicht anders. Du warst mir so nah ...«
»Du musst dich nicht entschuldigen«, sagte sie. »Im Grunde will ich es doch auch. Aber ich brauche dabei nun wirklich keine Zuschauer.«
Petr drückte ihr demonstrativ ihre Bluse wieder zu. Melody musste lachen, als sie den Blick ihres Freundes dabei sah.
»Wir holen das nach«, versprach sie. »Ganz bestimmt, wenn wir das nächste Mal wirklich ungestört sind.«
»Da möchte ich aber auch darum bitten«, antwortete Petr.
Sie küssten einander noch eine Weile, doch dann holten sie die Gedanken an ihre Situation wieder ein.
»Ob die NSA uns bereits wieder auf den Fersen ist?«, fragte Melody.
»Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Wir sind für diesen Flug hierher nirgendwo registriert worden. Wenn es uns nun noch gelingt, unbemerkt an Bord der TransCargo-Maschine zu gelangen, werden wir sogar unbemerkt das Land verlassen. Ich denke, dass wir ihnen gegenüber nun einen recht guten Vorsprung haben.«
Draußen wurde es allmählich dunkel. In dem Gebäude gegenüber verloschen nach und nach sämtliche Lichter. Die dort Beschäftigten machten Feierabend. Sie beobachteten, wie Gruppen von Leuten herauskamen und sich zum Gehen wandten. Niemand beachtete die kleine Cessna, die scheinbar verlassen auf dem Flugfeld stand. Selbst die grelle Beleuchtung des Flughafens reichte nicht bis hierher. Nach einiger Zeit war es nur noch der fast volle Mond, der ihre Umgebung bleich beleuchtete. Es war wie ausgestorben. Bisher hatte Gus sich noch nicht wieder gemeldet.
»Mir wird kalt«, sagte Melody und schmiegte sich noch enger an Petr.
Petr suchte nach etwas, das er Melody um die Schultern legen konnte, und fand eine alte, speckige Lederjacke, die wohl Gus gehören musste. Er legte sie ihr um, was sie mit einem dankbaren Brummeln quittierte. Sie legte ihren Kopf zurück auf seine Brust.
»Meinst du, wir müssen noch lange warten?«, fragte sie.
»Keine Ahnung«, antwortete Petr wahrheitsgemäß. »Woher soll ich es wissen? Geht dir die Warterei auf die Nerven?«
»Das ist es nicht«, sagte sie und fuhr ihm mit ihrer kleinen Hand unter das Hemd. »Es ist nur ... Jetzt ist es dunkel und dort drüben ist niemand mehr ...«
Petr sah sie skeptisch an. »Du willst doch nicht jetzt allen Ernstes ...?«
»Warum nicht?«, fragte sie harmlos. »Oder hast du gerade etwas Besseres zu tun? Es tat mir vorhin so leid, dich zurückzuweisen.«
Sie begann, an seinem Ohr zu knabbern, was ihm kleine Schauer durch den Körper jagte. Petr spürte, dass sein Körper zu reagieren begann, und richtete sich umständlich auf.
»Melody, ich halte das jetzt für keine gute Idee.«
»Warum denn nicht?«, säuselte sie ihm direkt ins Ohr und biss leicht zu.
»Aua, du Biest hast mich gebissen!«
Melody lachte. »Aber nur ein ganz kleines Bisschen. Wer mit einer Katze spielt, muss damit rechnen, dass sie launisch ist ...«
»Warte! Dir werd ich helfen!«
»Ach ja?«, fragte Melody, stand auf und setzte sich unvermittelt rittlings auf seinen Schoß. »Wie willst du mich denn bestrafen?«
Petr wollte etwas sagen, doch Melody verschloss ihm mit ihren Lippen seinen Mund. Er gab endgültig auf. Die Nähe dieses Mädchens, ihre Küsse und die Bewegungen ihres Beckens auf seinem Schoß raubten ihm den Verstand. Melody konnte eine Raubkatze sein.
Die Stimmung wurde jäh zerstört, als das Handy, das Gus ihnen dagelassen hatte, zu klingeln begann. Für einen Moment hielten Petr und Melody inne und wussten nicht, was los war, doch dann fuhren sie auseinander.
»Das Handy!«, riefen sie, wie aus einem Munde. Petr griff das Gerät als Erster und nahm den Anruf an. Melody starrte Petr erwartungsvoll an, doch er lauschte konzentriert dem Sprecher und quittierte nur von Zeit zu Zeit mit einem »Ja«. Melody spürte, wie sie immer nervöser wurde. Als Petr aufgelegt hatte, hielt sie es nicht mehr aus.
»Was war los?«, fragte sie. »Sag schon! Es war doch Gus? Wo sollen wir hinkommen?«
»Langsam, langsam«, sagte Petr. »Eines nach dem Anderen. Ich erzähle dir doch alles ...«
»Also erst einmal: Wir haben noch etwas Zeit. Der Flugbetrieb beginnt hier in Denver erst wieder um sechs Uhr morgens. Zur Zeit ist es zwei Uhr. Wir sollen unsere Sachen nehmen und direkt zu seiner Maschine kommen. Sie wird im Moment betankt und es treiben sich daher einige Flughafenmitarbeiter dort herum. In etwa zwanzig Minuten sind die wieder weg und dann dürfte es ruhig sein. Es ist eine Boeing 737 von TransCargo. Es steht in großen Lettern auf dem Rumpf. Wir sollen von hier aus einfach in Richtung der hellen Lichter dort hinten laufen, dann würden wir sie nicht verfehlen. Es ist in Parkzone vierunddreißig.«
Schnell hatten sie das Wenige gegriffen, das sie bei sich hatten und kletterten aus der Maschine. Petr schlug die Tür fest zu. Melody hatte Gus’ Lederjacke angelassen, da es draußen doch empfindlich kalt war und sie noch immer die Sachen trug, die sie für ‘s Büro angezogen hatte. Petr nahm sie in den Arm und dann liefen sie los - den Blick immer auf die fernen Lichter des beleuchteten Frachtterminals gerichtet. Im Dunkeln hatten sie zunächst nicht das Gefühl, ihrem Ziel auch nur ansatzweise näher zu kommen, so groß war der Flughafen. Doch dann wurden die Schemen der geparkten Flugzeuge allmählich größer. Nach einiger Zeit standen sie endlich vor einer 737 der TransCargo, in der ein schwaches Licht brannte. Melody blickte sich um, aber die unmittelbare Umgebung des Flugzeugs war wie ausgestorben.
»Wie kommen wir jetzt da hinein?«, fragte sie. »Es scheint hier nicht einmal eine von diesen fahrbaren Treppen zu geben.«
»Oder, sie haben sie schon wieder mitgenommen, als die Besatzung an Bord war«, vermutete Petr. »Ich werde ihn einfach noch einmal anrufen. Irgendwie bekommt er uns schon an Bord.«
Petr wählte noch einmal Gus’ Nummer und einen Augenblick später öffnete sich oben kurz hinter dem Cockpit eine Tür. Ein Kopf erschien kurz und sie hörten, wie jemand sagte: »So ein Mist. Sie haben die Treppe weggefahren. Sieh mal im ... nach ... Notausrüstung ...«
»Was machen wir, wenn sie nichts finden, um uns nach oben zu holen?«, fragte Melody.
»Das klappt schon«, sagte Petr. »Ich vertraue Gus. Er findet eine Lösung.«
Sie brauchten nicht lange warten, bis wieder jemand in der Türöffnung erschien.
»Hey, geht mal etwas zur Seite«, kam es von oben. »Ich werfe jetzt eine Strickleiter runter. Tut mir leid, aber anders geht es jetzt nicht.«
Einen Augenblick später schlug das Ende der Strickleiter klappernd auf den Beton des Flughafens.
»Beeilt euch - es sollte euch nicht noch jemand dabei beobachten, wie ihr heimlich hier hineinklettert. Das wirft nur Fragen auf, die ich uns gern ersparen würde.«
Petr kannte sich mit Strickleitern aus und kletterte zügig nach oben, wobei er sich noch ihre Taschen um den Hals hängte und mit nach oben nahm. Melody jedoch trug ihre normalen Schuhe, die absolut nicht geeignet waren, eine solche Leiter emporzuklettern. Es dauerte lange, bis sie endlich oben war.
»Ich habe meine Schuhe verloren«, sagte sie verärgert, als sie oben an der Tür ankam. »Diese Strickleiter ist ja die Hölle.«
»Komm erst einmal rein«, sagte Gus und hielt ihr seine Hand entgegen, die Melody dankbar ergriff.
Mit einem festen Ruck zog er sie endgültig in die Maschine und verschloss anschließend sofort wieder die Tür.
»Willkommen an Bord«, sagte er grinsend und musterte Melody, die nun barfuß vor ihm stand. »Um deine Füße werden wir uns gleich kümmern. Kommt erst einmal ins Cockpit. Emilia ist natürlich auch hier. Wir haben aber auch schon unseren Co-Piloten an Bord. Ich mache euch mal eben bekannt.«
Sie folgten ihm ins Cockpit, welches gegen die Enge in der Cessna regelrecht geräumig war. Emilia winkte ihnen von der Funkanlage zu. Auf dem Platz des Co-Piloten saß eine junge Frau mit dunklen Haaren und einem Pferdeschwanz, die in eine Liste vertieft war, die sie in einem Klemmblock auf ihrem Schoß hielt. Als sie Gus reden hörte, sah sie kurz von ihrer Liste auf und drehte sich zu ihnen um. Ihr Gesicht war über und über mit Sommersprossen übersät, was ihrem Gesicht einen ganz besonderen Reiz gab.
»Hi«, sagte sie und hob grüßend eine Hand. Sie erhob sich von ihrem Sitz und kam zu ihnen herüber.
»Das ist Alicia Cavanaugh, unsere Co-Pilotin auf diesem Flug«, stellte Gus sie vor. »Wir haben in der Vergangenheit schon häufiger ein paar Jobs zusammen gemacht. Ich war ganz überrascht, dass Alicia uns auf diesem Flug unterstützen wird.«
Er deutete auf Petr und Melody.
»Das sind meine Freunde Petr und Melody«, sagte er, worauf er von Petr einen missbilligenden Blick erntete.
Alicia schüttelte ihnen die Hände. »Ich bin für Ricardo eingesprungen. Der hat sich die rechte Hand verstaucht und kann nicht fliegen. Aber macht euch bitte wegen mir keine Gedanken. Gus und ich hatten noch nie wirklich Geheimnisse voreinander. Er hat mir nur gesagt, dass ihr Probleme mit der NSA habt und dass ihr in Ordnung seid. Mehr muss ich nicht wissen. Wir müssen also nicht so tun, als wärt ihr Mitarbeiter von Gus’ Firma. Ich denke, dass kommt doch auch euch entgegen, oder nicht?«
Alicia lächelte die beiden offen an und schien es ehrlich zu meinen. Melody fasste sich als Erste. »Das kommt uns wirklich entgegen. Wir hatten uns schon Gedanken gemacht, wie es aussehen würde, wenn wir von der Fliegerei überhaupt keine Ahnung haben.«
Alicia nickte. »Und das hätte ich wahrscheinlich bereits in den ersten Minuten nach dem Start herausgefunden.«
Sie musterte Melody eingehend. Mel fühlte sich dadurch unbehaglich.
»Ist mit mir etwas nicht in Ordnung?«, fragte sie.
Alicia lachte. »Entschuldigung, aber willst du den ganzen Flug in diesem Aufzug mitmachen?«
»Ich habe leider nichts anderes mehr«, sagte Mel verstimmt. »Ich musste ja alles zurücklassen.«
»Ich habe aber reichlich Sachen zum Wechseln dabei«, meinte Alicia. »Wir haben ungefähr die gleiche Größe und wohl auch fast die gleiche Figur. Ich wollte dir einen Overall von mir anbieten und vielleicht passen dir auch ein paar Turnschuhe von mir.«
»Oh, das wäre wirklich toll«, sagte Melody erfreut. »Damit habe ich nun überhaupt nicht gerechnet. Danke!«
Alicia lachte. »Dann sei froh, dass Ricardo sich die Hand verstaucht hat. Seine Sachen würden dir nicht passen. Und die würdest du auch nicht wollen.«
Sie zog Melody am Ärmel. »Komm mit, ich habe hinten eine kleine Kabine. Ich staffiere dich mal ein wenig aus.«
Die Frauen verließen das Cockpit und Gus und Petr blieben mit Emilia allein zurück. Petr schaute sich interessiert im Cockpit um.
»Das ist aber ein anderes Kaliber, als die kleine Cessna«, sagte er anerkennend.
»Sag nichts gegen meine Cessna!«, entgegnete Gus leicht verstimmt. »Auch dies hier ist nichts weiter als ein Flugzeug - wenn auch ein viel Größeres. Allerdings muss ich dir recht geben, dass diese 737 uns eine Menge mehr Komfort bietet, selbst wenn sie eine Transportmaschine ist.«
Petr hob abwehrend die Hände. »Ich wollte dir wirklich nicht zu nahe treten. Aber es würde mich doch interessieren, wie es weitergeht. Mir wäre beträchtlich wohler, wenn wir endlich in der Luft sind und das Land verlassen.«
»Unsere Maschine ist im Grunde schon startklar«, sagte Gus. »Die Tankmannschaft ist schon wieder weg und Alicia hat den Check der Systeme vorhin vorgenommen.«
»Wir können starten, sobald es sechs Uhr ist«, verkündete Emilia an der Funkanlage. »Sie fangen hier mit den Starts und Landungen nicht früher an - es hat da wohl Prozesse vor Gericht gegeben ... wegen des Lärms.«
Petr blickte aus den Fenstern des Cockpits hinaus auf das Flugfeld.
»Ich komme mir vor wie ein Tiger im Käfig«, sagte er. »Es ist einfach nicht gut, wenn man weiß, dass einem eine Behörde wie die NSA auf den Fersen ist.«
Gus legte ihm eine Hand auf den Arm. »Mein Freund, ich glaube kaum, dass ihr Zwei hier in Gefahr seid. Meine Landung in Hollister war nicht planmäßig, ihr seid ohne Schalterabfertigung bei mir eingestiegen und hier weiß erst recht niemand, dass ihr an Bord seid. Entspann dich, Petr.«
Petr sah ihn einen Moment schweigend an.
»Wahrscheinlich hast du ja recht«, sagte er. »Es ist einfach so ungewohnt. Du weißt, ich bin in der Ukraine Polizist - ich stehe auf der anderen Seite. Das ist nicht einfach für mich. Dazu kommt noch, dass die Morde an meinem Bruder und Mels Chefin ungeklärt im Raum stehen. Es ist nicht auszuschließen, dass wir an unserem Ziel ebenfalls gefährdet sind. Irgendwer hat sich sehr für unsere virtuelle Szenerie in Hollister interessiert. Wir müssen vorsichtig sein.«
»Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlst«, sagte Gus. »Aber du machst das schon und Mel scheint mir auch nicht gerade jemand zu sein, die bei der ersten kleinen Gefahr hysterisch wird - ganz im Gegenteil.«
In diesem Moment kehrten Alicia und Melody wieder ins Cockpit zurück. Melody trug nun einen engen Jeans-Overall, der ihre Figur deutlich betonte. Petr stand für einen Moment der Mund offen und er war unfähig, etwas zu sagen. Gus war da erheblich direkter und pfiff durch die Zähne.
»Wow! Alle Achtung!«, rief er aus. »Das Teil steht dir hervorragend. Du siehst einfach Klasse aus.«
»Danke Gus«, sagte Melody lächelnd und sah auffordernd zu Petr herüber. »Und was sagt ein ukrainischer Polizist zu meinem neuen Outfit?«
Petr schüttelte den Kopf.
»Ich bin schlicht weg überwältigt«, sagte er und meinte es auch genau so.
Er trat rasch auf Melody zu und zog sie in seine Arme. Alicia betrachtete lächelnd die Szene. Sie mochte die beiden. Was immer sie angestellt haben mochten, sie machten auf sie nicht den Eindruck von Verbrechern. Sie hoffte, dass es ihnen gelingen mochte, das zu erreichen, was sie tun wollten.
Keine Stunde später sprach das Funkgerät an.
»Hier Denver-Control, Flug Nummer TRC7423, Sie haben Go für Startbahn 2. Bitte bestätigen.«
Gus glitt elegant auf seinen Pilotensitz und zog sich das Headset über den Kopf. Er gab Emilia ein Zeichen, ihm die Kommunikation zu übertragen und meldete sich dann:
»TRC7423 hat verstanden. Wie groß ist das Zeitfenster für Go? Unsere Triebwerke sind noch nicht vorgeheizt.«
»Machen Sie sich keine Gedanken TRC7423. Sie sind heute unsere erste Maschine, da ist uns klar, dass es einen Moment dauert. Machen Sie sich auf den Weg, wenn Sie so weit sind. Denver-Control wünscht einen guten Flug.«
Gus drückte nun einige Schalter und nach einem scharfen Klicken hörten sie, wie die großen Turbinen der Triebwerke anliefen.
»Es dauert jetzt ein paar Minuten«, erklärte Gus den Anderen. »So lange die Turbinen nicht eine bestimmte Temperatur erreicht haben, können wir nicht starten. Es würde uns sonst die empfindlichen Lamellen in den Triebwerken kosten - und mich meine Lizenz.«
Fast zehn Minuten später ordnete Gus an, dass sie sich anschnallen sollten. Anschließend erhöhte er schrittweise die Leistung der Triebwerke und löste schließlich die Bremsen der Maschine. Langsam begann sie zu rollen. Da sie auf einem rundherum offenen Stellplatz stand, war auf ein Schleppfahrzeug verzichtet worden. Gus kannte den Weg zum Startpunkt und ließ das Flugzeug gemächlich zur Startbahn zwei rollen.
»TRC7423 ist bereit für den Start«, gab Gus per Funk an den Tower durch. »Sind wir noch auf Go?«
»Ready for go, TRC7423. Starten Sie, wenn bereit. Denver-Control wünscht nochmals einen guten Flug.«
»Danke Denver-Control. Roger und over.«
Gus ließ die 737 auf die Startbahn einschwenken. Sowohl er als auch Alicia waren nun sehr konzentriert und tauschten einige technische Angaben aus, die für den Start relevant waren. Dann drückte Gus den Fahrthebel komplett nach vorn und die Triebwerke heulten auf. Die gesamte Maschine erzitterte unter der Belastung, als die Bremsen gelöst wurden und das Flugzeug, wie von einem Katapult abgefeuert, die Betonpiste hinunterraste. Nur wenige Augenblicke später hob die Maschine vom Boden ab und stieg steil in den noch dunklen Himmel. Sowohl Petr als auch Melody atmeten auf. Nun waren sie in der Luft. Jetzt konnte ihnen die NSA nichts mehr anhaben. Jetzt galt es, darüber zu sprechen, wie es ihnen in Europa gelingen sollte, die Maschine zu verlassen und eine Fahrt mit dem Zug nach Deutschland zu buchen.
Als Gus nach kurzer Zeit auf Kurs war und sich von Denver abgemeldet hatte, wandte er sich zu Petr um. »So, nun haben wir eine Menge Zeit. Wenn ihr wollt, könnt ihr euch auch gern zurückziehen und etwas schlafen. Wir werden euch wecken, wenn es wieder interessant wird.«
»Im Moment bin ich noch nicht müde genug«, antwortete Petr und Melody nickte zustimmend.
»Jetzt genieße ich erst einmal die Erleichterung darüber, dass wir den Behörden der Vereinigten Staaten entkommen sind. Aber das nächste Problem stellt sich in einigen Stunden, wenn wir Brüssel erreicht haben. Wie kommen wir dort an den Kontrollen vorbei? Offiziell haben wir die Vereinigten Staaten überhaupt nicht verlassen. Man könnte uns in Europa unbequeme Fragen stellen.«
»Das kann ich euch erklären«, sagte Gus und blickte zu Alicia, die nur abwinkte.
»Geht nur nach hinten und besprecht das«, sagte sie. »Wir sind auf Autopilot und die Instrumente beobachten kann ich auch alleine.«
»Wenn es dir nichts ausmacht, Alicia«, sagte Gus und erhob sich aus seinem Sessel. »Gehen wir einen Moment nach hinten. Ich erkläre euch, wie wir es machen.«

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